Buch-Gesichter

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Hier die ersten Buchgesichter:

                                                                                          Empfohlen von Irene Friedländer

                                                                       Jocelyne Saucier: EIN LEBEN MEHR

 

Vorab: Dieses Buch will uns nichts, wie neuerdings in Mode gekommen, über die ach so tollen Vorzüge des Älterwerdens erzählen. Vielmehr geht es um Freiheit – im Sinne von Unabhängigkeit – und Selbstbestimmung.

 

„Man ist frei, (…) wenn man sich aussuchen kann, wie man lebt! (…) Und wie man stirbt.“ Dieses Zitat beschreibt sehr eindrucksvoll den Kern der Erzählung.

 

Drei Männer im fortgeschrittenen Alter beschließen, ihr Leben zukünftig in einem nordkanadischen Wald zu verbringen, fernab von Zivilisation und behördlicher Bevormundung. Sie haben sich eingerichtet, jeder in seiner eigenen, selbst gebauten Hütte und mit einem Hund. In einem Gleichgewicht von Abstand und Nähe, Respekt und Humor haben sie sich mit und in ihren Bedürfnissen arrangiert. Der Tod ist unausgesprochen anwesend, es besteht eine stillschweigende Übereinkunft, dass er jederzeit kommen kann oder auch nicht.

 

Über allem liegt eine gewisse Harmonie, eine Verbundenheit, ohne dass es großer Worte bedarf. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Dieser Zustand wird jäh gestört, als eine junge Fotografin auf der Suche nach einem Überlebenden der „Großen Brände“ auftaucht, über den sie eine Fotoserie machen möchte.

 

Das Gleichgewicht wird vollends erschüttert, als ein weiterer „Gast“ auftaucht: eine eigensinnige, zierliche Dame von Anfang achtzig, die schnell deutlich macht, dass sie sich dieser Wohngemeinschaft anschließen will.

 

Das ist der Anfang einer Geschichte, deren Fortgang niemand für möglich gehalten hätte und die voller spannender Wendungen ist.

 

Jocelyne Saucier ist ein großer Wurf gelungen. Erzählkunst auf hohem Niveau, Detailtreue, Humor und Empathie sind die Ingredienzen dieses Textes. Einfühlsam erzählt sie eine Geschichte, die die Leser fesselt und mitnimmt in eine Welt, in der sich Menschen ihren Traum von Unabhängigkeit und Selbstbestimmung nicht nur erfüllen, sondern auch leben.

 

Ohne ein wenig Kitsch und Romantik geht es allerdings nicht; das muss man mögen. Mir hat es gefallen.

 

Jocelyne Saucier ist eine kanadische Schriftstellerin, geboren 1948, lebt heute selbst in einem Wald im nördlichen Quebec. Bevor sie mit dem literarischen Schreiben begann, arbeitete sie viele Jahre als Journalistin. „Ein Leben mehr“ ist ihr vierter Roman.

 

Jocelyne Saucier: „Ein Leben mehr“, Deutsch von Sonja Finck, Insel Verlag 2017, 192 Seiten, Taschenbuch 10 €

 


                                                       Volker Pirsich, Vorsitzender des Bundesverbandes der deutschen Bibliotheks-Freundeskreise e.V.

                                                                              Else Lasker-Schüler: Mein Herz

 

                                                               Der (Brief-)Roman erschien in Buchform erstmals 1912.

 

Kann man das heute noch lesen? Ja, man kann … man sollte es sogar, wenn man bereit ist, sich auf die Berliner Szene des beginnenden Expressionismus und das Innenleben Else Lasker-Schülers einzulassen. Ein Schlüsselroman? Nein, wohl nicht. Aber ein Roman, in dem der (z.T. imaginierte) Freundes- und Bekanntenkreis der Lasker auf- und wieder abtritt. Und das alles vor dem Hintergrund einer Reise ihres damaligen Mannes Herwarth Walden, der ab 1910 die expressionistische Literaturzeitschrift „Der Sturm“ herausgab. „Briefe nach Norwegen“, so hießen die Texte dann auch zunächst, als sie im „Sturm“ in mehreren Folgen erstveröffentlicht wurden.

 

Waldens Reise war längst beendet; die Lasker aber schrieb weiter; und mehr und mehr wird in den Texten deutlich, dass ihre Ehe scheitert. Wie sie das in Form fasst, ist wunderbar und berührend.

 

Ein Text, der zum Entdecken und Wiederentdecken einlädt (Karl Jürgen Skrodzki, der Unermüdliche, hat auf seiner Website viele der Figuren entschlüsselt und erläutert) … aber man kann ihn einfach auch als das lesen, was es primär ist: Literatur.

 

„Mein Herz“ ist derzeit als Taschenbuch wie als Hörbuch lieferbar. Die Originalausgabe ist antiquarisch zu Preisen von 200 € aufwärts erhältlich.


                                                                  Empfohlen von Gerhard Weil, Webmaster des Freundeskreises

 

In Berlin wird an allen Ecken und Enden gebaut. Überall stoßen wir auf moderne Architektur. Aber welcher Stil ist das und wie können Stadtspaziergänger·innen die unterschiedlichen Architektursprachen treffsicher unterscheiden?

 

Da hilft „Alles nur Fassade?“, das Bestimmungsbuch für moderne Architektur von Turit Fröbe, Gastprofessorin an der Berliner Universität der Künste. Jugendstil, Neues Bauen, Expressionismus, Architektur der Nazizeit, der 1950er- und 1960er-Jahre, Brutalismus, Postmoderne, Dekonstruktivismus, 1990er-Jahre oder die Neo-Stile der Gegenwart – anhand von zwei Kriterien führt die Autorin zu einer sicheren zeitlichen Einordnung. Charakteristisch sind zum einen die Fensterformen, zum anderen die Verwendung von zeittypischen Materialien, wie an zahlreichen Bildbeispielen deutlich wird. Bonus für Berliner·innen und Berlin-Interessierte: Etwa die Hälfte der gewählten Beispiele stehen in Berlin, das durch die DDR-Vergangenheit des Ostteils besonders viele Facetten bietet.

Als weiteres Highlight werden Ikonen der modernen Architektur besprochen, etwa die Wiener Secession von 1898, die AEG-Turbinenhalle von Peter Behrens, das Chilehaus in Hamburg, die Reichsautobahn der Nazizeit, das ICC oder das Bundes-kanzleramt in Berlin.

Das Schicksal vieler gekaufter Bücher – einmal gelesen und dann nie wieder angefasst – droht „Alles nur Fassade?“ keineswegs, denn bei jedem Stadtbummel sorgt das Taschenbuch erneut dafür, dass wir unsere Umgebung mit neuen Augen betrachten.

Turit Fröbe: „Alles nur Fassade?“, DuMont Buchverlag, Köln 2018, 20 €