Das Interview

An dieser Stelle soll in regelmäßigen Abständen von etwa drei bis fünf Monaten ein Interview mit Beschäftigten unserer Stadtbibliothek oder dafür Verantwortlichen erscheinen. Die vorhergehenden Interviews bleiben lesbar und wandern nach hinten!

10 Fragen an den Leiter der Fahrbibliothek Tempelhof-Schöneberg,

Herrn Burkhard Kajewicz, gestellt am 15. 3. 2017
vom Webmaster der Freundeskreis-Webseite, Dr. Gerhard Weil

Burkhard Kajewicz, Leiter der Fahrbibliothek Tempelhof-Schöneberg   Foto: Weil
Burkhard Kajewicz, Leiter der Fahrbibliothek Tempelhof-Schöneberg Foto: Weil

  1. Herr Kajewicz, Sie sind seit einigen Jahren Leiter der Fahrbibliothek. Der Bücherbus ist in diesem Jahr das Schwerpunktthema des Freundeskreises. Bekommt der Bücherbus denn bald eine H-Nummer ins Nummernschild?

    Ich bin seit Ende 2014 Leiter der Fahrbibliothek.

    Der jetzige Bus ist vor 25 Jahren zugelassen worden. Zugleich feiern wir in diesem Jahr das 50-jährige Jubiläum der Fahrbibliothek Tempelhof-Schöneberg. Ob ein H-Nummernschild dann mit 30 Betriebsjahren erreicht werden könnte, ist mehr als fraglich, da bei zu erwartenden Reparaturen die Ersatzteilbeschaffung immer schwieriger werden wird.

  2. Wer versorgt denn die Tempelhofer und Schöneberger Schulen, die sich innerhalb des S-Bahnringes befinden, warum müssen Sie draußen bleiben?

    Durch die geltende Abgasnorm darf der Bus nicht die Umweltzone befahren. So mussten wir leider Schulhaltestellen in Schöneberg und Tempelhof aufgeben. Z. T. werden diese jetzt durch Standortbibliotheken betreut, auch aus anderen Bezirken, wie Friedrichshain-Kreuzberg, da die betroffenen Schulen in deren Einzugsbereich liegen.


  3. Wie viele Haltestellen fahren Sie pro Woche an, sind Grundschulen dabei, die weit von den Stadtteilbibliotheken entfernt sind? 

    Wir fahren im wöchentlichen Rhythmus 12 Haltestellen an, davon sind sechs Grundschulen in Tempelhof, wie die GS im Taunusviertel in unmittelbarer Nähe zur Stadtgrenze nach Brandenburg oder die Ikarus-GS, die Carl-Sonnenschein-GS in Mariendorf, die GS am Dielingsgrund, die keine fußläufigen Standortbibliotheken in der Nähe haben.

    In den Nachmittags- und Abendstunden fahren wir die Ortsteile Mariendorf, Lichtenrade und Friedenau an. In Friedenau stehen wir 2 x in der Woche gegenüber dem Rathaus Friedenau und bieten dort einen Service alternativ für die geschlossene Gerhart-Hauptmann-Bibliothek.

    Nicht zu vergessen sind aber auch mehrere Kitas in Mariendorf, Lichtenrade und Friedenau, die uns z.T. im Bus besuchen aber auch regelmäßig mit Bücherkisten beliefert werden.

Der Bücherbus vor der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule in Berlin-Lichtenrade   Foto: Weil
Der Bücherbus vor der Bruno-H.-Bürgel-Grundschule in Berlin-Lichtenrade Foto: Weil

4. Wenn Sie schon wöchentlich vor den Grundschulen stehen, gehen sie auch mal hinein?

Ja, na klar. Neben unserem vielfältigen Medienangebot im Bus bieten wir auch Bibliothekseinführungen und Bibliotheksunterricht in Form von Projekten, in letzter Zeit auch für Willkommensklassen, in den Schulräumen an und können da auch digitale Services mit Tablet, I-Pad und Apps einsetzen.

 

Besonderen Spaß machen - und gerne angenommen werden die Bilderbuchkino-Vorführungen in den Kitas und Klassen sowie die Lesungen mit Berliner Kinderbuchautoren in den Schulen.

 

5. Bibliothekare lieben die Statistik, was können sie uns in dieser Hinsicht von der Fahrbibliothek berichten?

Im letzten Jahr (2016) besuchten uns 41.784 Nutzer, die 103.541 Medien entliehen haben.

 

Wir führten 241 Gruppenführungen mit 3.107 Teilnehmern durch und konnten 27 Veranstaltungen mit 1.350 Teilnehmern bieten. 251 Medienpakete lieferten wir an Schulen und Kitas aus.

Statistik  2016   

 

 

2016

2015

+ 2016

Öffnungsstunden

1146,3

1024,2

+ 11,09 %

Besuche

41784

32621

+ 28,09 %

Entleihungen

103541

95109

 +   8,87 %

Gruppenführungen

241

108

+ 123,15%

Teilnehmer

3107

1477

+ 110,36%

Veranstaltungen

27

12

 + 125    %

Teilnehmer

1350

801

+ 68,54 %

Medienpakete

251

232

+     8,19 %

 

 

6. Sie sollen neulich voller Neid im neuen Bücherbus von Steglitz-Zehlendorf gesessen haben. Was war da besser, was kostet denn der Spaß für den Bezirk?

Allerdings ! Nicht nur Steglitz-Zehlendorf konnte im Januar einen neuen Bücherbus in Betrieb nehmen, auch der Bezirk Spandau weiht am 17. März sein neues Fahrzeug feierlich ein. In Treptow-Köpenick ist der neue Bus im Bau und auch Pankow und Lichtenberg planen eine Anschaffung. Die neuen Fahrzeuge sind auf dem aktuellen technischen Stand, mit der Euro-6-Norm kann die Umweltzone befahren werden, eine Klimatisierung, behindertengerechter Zugang, Toilette, LED-Beleuchtung, Automatikgetriebe etc. bieten den Nutzern Komfort und den Beschäftigten einen zeitgemäßen Arbeitsplatz.

 

Kinder stöbern im Medienangebot der Fahrbibliothek         Foto: Weil
Kinder stöbern im Medienangebot der Fahrbibliothek Foto: Weil

7. Angeblich hat unser Bezirk die Chance vor ein paar Jahren vertan, ebenfalls einen neuen Bus zu bekommen, bevor unser auseinanderfällt. Eine Hälfte der Kosten sollten sogar fremdfinanziert werden?

Vor ein paar Jahren hätte der Bezirk EU-Mittel in Höhe von 200 Tsd € zur Anschaffung eines neuen Bücherbusses erhalten können. Der Bezirk konnte leider die gleiche Summe zur Kofinanzierung nicht aufbringen. Das wäre eine für den Bezirk sehr günstige Gelegenheit gewesen.

8.
Was machen Sie mit dem Bücherbus in den Ferien?

Die Schulferien nutzen wir zu einer Grundreinigung und um das Fahrzeug turnusmäßig in der Werkstatt warten zu lassen, fahren aber auch, wenn möglich, die Nachmittags-/Abendhaltestellen an. Die restliche Zeit wartet der Bus auf seinen nächsten Einsatz in der Garage.

 

9. Mit wie vielen Kolleg_Innen wird das Fahrbibliotheksangebot betrieben, gibt es verschiedene Aufgaben und Anforderungen?

Das Team der Fahrbibliothek Tempelhof-Schöneberg besteht aus zwei Bibliothekar_Innen, einer FaMI ( Fachangestellte für Medien- und Informationsvermittlung) zugleich Fahrerin sowie zwei Bibliotheksangestellten die auch zugleich Fahrer sind. Durch die Aufteilung in Vormittags- und Abendhaltestellen fahren wir täglich in zwei Teams.

 

Die Fahrer sorgen für die Vorbereitung der Ausleihe, stellen die technischen Voraussetzungen in und am Bus sicher, überprüfen die Fahrtauglichkeit, bringen den Bus zu unseren Nutzern, sind aber auch wichtige Stützen bei der Medienverbuchung im Bus.

 

Die Bibliothekare beraten, verbuchen Medien, führen Projekte der Leseförderung und Informationsvermittlung sowie Veranstaltungen durch, geben Bibliotheksunterricht, sind für den Bestandsaufbau und dessen Vermittlung verantwortlich.

 

10. Was waren Ihre merkwürdigsten, lustigsten Erlebnisse mit und in dem Bücherbus?

Wenn man in der Schule oder auf der Straße mit:  „ Hallo, Bücherbus-Mann … „  erkannt und begrüßt wird oder zu Ostern und Weihnachten mit selbst gemalten“ Kita-Kunstwerken“ beschenkt wird, sind das schon nette Erlebnisse und spiegeln die Anerkennung und Freude der kleinen und großen Nutzer wieder.

 

Auch wird schon mal ein Kind auf dem Beifahrersitz gestillt oder ein zugeflogener Vogel aus dem Bus befreit …

 

Sie sehen, im Bücherbus wird es nie langweilig!

 

Dagegen wird leider unser Bücherbusalltag durch oft zugeparkte Haltestellen getrübt, sodass das Ordnungsamt in Aktion treten muss …

Herr Kajewicz, wir vom Freundeskreis wünschen Ihnen und Ihren Mitarbeiter_Innen alles erdenklich Gute und vor allem einen nagelneuen Bücherbus mit bester Ausstattung möglichst bald, ich danke Ihnen!

 

Foto: Weil
Foto: Weil

10 Fragen an den Leiter der Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg,

Herrn Dr. Engelbrecht Boese, gestellt am 17. 11. 2016
vom Webmaster der Freundeskreis-Webseite, Dr. Gerhard Weil

 

Foto: Weil
Foto: Weil

 

1.   Herr Dr. Boese, Sie scheiden zum Jahresende aus Ihrem Amt aus. Wie viele Jahre haben Sie die Stadtbibliothek Tempelhof und dann die Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg geleitet? Die Zahl der Bibliotheksstandorte hat sich doch in diesen Jahren deutlich verringert?

 

Ja, das stimmt. Aber zunächst ein Blick zurück. Ich bin 1990 als Leiter nach Tempelhof gekommen, damals waren Tempelhof und Schöneberg ja noch getrennt. Vorher war ich nach meinem Bibliothekarsdiplom in Stuttgart und dem anschließenden Geschichtsstudium in Mainz vier Jahre lang Leiter einer großen Filiale der Frankfurter Stadtbücherei. 1990 das war eine sehr interessante Zeit, weil es damals auch darum ging, die sehr unterschiedlichen Bibliothekssysteme in den beiden Stadthälften zu vereinen, auf einen Nenner zu bringen. Das war nicht so ganz einfach, wie schwierig es war, sehen Sie heute noch daran, dass die größte Öffentliche Bibliothek in Berlin, und größte Öffentliche Bibliothek in Deutschland, die Zentral- und Landesbibliothek, nach wie vor mit zwei Häusern vorlieb nehmen muss. Für eine Stadt wie Berlin, für eine Weltmetropole eigentlich ein unhaltbarer Zustand, der anscheinend jetzt leider noch verlängert wird.

 

Aber um Ihre Frage zu beantworten. Es gab in Tempelhof und Schöneberg, jeweils 10 Bibliotheken, wobei allerdings die Kinder- und Jugendbibliotheken in den Haupthäusern noch als eigene Bibliotheken zählten, das ist heute nicht mehr so. Zum Bestand gehörten damals noch zwei Bibliotheken in den berufsfeldbezogenen Oberstufenzentren, die später der Senator für Bildung an sich gezogen hat, und damals gab es auch noch die so genannten „Mediotheken“ in den Bildungszentren, die später wegen Asbest geschlossen wurden. Aber zum Bestand gehörten auch noch mehr ganz „normale“ Stadtteilbibliotheken. Der 1995 einsetzenden Sparwelle fielen in Tempelhof beide Bibliotheken in Mariendorf, wo es heute keine standortfeste Bibliothek mehr gibt, und eine Bibliothek in Lichtenrade zum Opfer, in Schöneberg die Bibliothek im Lindenhof, und die Friedenauer Bibliothek im Rathaus wurde damals auf eine eigentlich nicht tragbare Restgröße zusammengeschrumpft.

 

Heute hat die Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg noch ganze sieben Bibliotheken: die Bezirkszentralbibliothek in der Götzstr., die Mittelpunktbibliothek Schöneberg in der Hauptstr., in der wir uns hier gerade befinden, das war damals die Hauptbibliothek in Schöneberg, dann drei Stadtteilbibliotheken in Lichtenrade, Marienfelde und Schöneberg-Nord, eine ehrenamtlich betriebene Nebenstelle die Thomas-Dehler-Bibliothek und last not least die wichtige Fahrbibliothek, die 11 Haltepunkte des Bücherbusses vorwiegend in Tempelhof hat.

 

2.   Was war in dieser Zeit Ihr größter beruflicher Erfolg, was Ihre größte Niederlage?

 

Das ist nicht ganz einfach zu beantworten. Ich würde es auch nicht an einem bestimmten Punkt festmachen, sondern ich würde einen ganzen Zeitraum als Niederlage beschreiben, wobei das eigentlich eine Niederlage der Bürgerinnen und Bürger dieses Bezirks ist, denn es geht hier weniger um mich. In den letzten 10 Jahren, etwa seit Mitte des letzten Jahrzehnts, sind ihnen die entscheidenden Maßnahmen zum Erhalt und zur Weiterentwicklung ihrer Bibliotheken verwehrt worden. Tempelhof-Schöneberg war nach der Bezirksfusion eines der leistungsfähigsten Bibliothekssysteme in Berlin. Danach gab es einen Bruch. So ab Mitte des ersten Jahrzehnts haben die Bezirke um uns herum, mit Ausnahme vielleicht von Charlottenburg-Wilmersdorf, ihre Standorte ausgebaut, saniert, erweitert, renoviert oder sogar neue Standorte gebaut. Tempelhof-Schöneberg hat, man muss das leider so deutlich sagen, in diesem Jahrzehnt den Anschluss verpasst. Heute sind unsere zwei größten Bibliotheken in einem verlotterten baulichen Zustand. Wir haben einen klapprigen alten Bücherbus von 1992, und von den kleineren Bibliotheken genügen zwei nicht einmal mehr den Berliner Mindeststandards an eine professionelle Bibliotheksarbeit. Und dass die Chance ausgeschlagen wurde, für den Spottpreis von 8 € pro Quadratmeter ins ehemalige Hertie-Gebäude zu ziehen, dafür fehlen mir und eigentlich allen Fachleuten in Berlin auch heute noch die Worte. Wo sonst hätte Integration gelingen können, wenn nicht an diesem zentralen Ort in Schöneberg, an einem Kreuzungspunkt sozial und kulturell so unterschiedlicher Einzugsgebiete?
Aber kommen wir zu den Erfolgen: Es war immer die Stärke der Stadtbibliothek, nicht über die Vergangenheit zu jammern, sondern nach vorne in die Zukunft zu schauen. Das ist, wenn ich zurückblicke, das eigentlich Positive in diesen vielen Jahren, dass es dem Bibliotheksteam immer wieder gelungen ist, Nackenschläge, die es seit Mitte der 90er Jahre, als die erste große Sparwelle begann, reichlich gab, wegzustecken und den Blick trotz allem nach vorn zu richten, krisenhafte Entwicklungen nicht zu ignorieren, das ist ja kaum möglich, aber doch als Chance zu sehen, um sich neu zu positionieren und neu aufzustellen. Das ist nicht mein Erfolg, sondern der Erfolg aller Mitarbeiterinnen, die Herausforderungen wie die Einführung des VÖBB, der die Bibliotheksarbeit komplett umgekrempelt hat, die Bezirksfusion, wo es darum ging, zwei sehr unterschiedlich geprägte Bibliothekssysteme zusammenzuführen, die Einführung der Selbstverbuchung, immer positiv angenommen und bewältigt zu haben, die sich Ziele gesetzt und zeitgemäße Schwerpunkte für ihre Arbeit entwickelt haben, und ich bin sehr zuversichtlich, dass es den Mitarbeiterinnen mit diesem konstruktiven, nach vorn gerichteten Geist auch gelingen wird, die baulichen und konzeptionellen Herausforderungen positiv zu gestalten, die auf sie zukommen werden, wenn die Politik jetzt endlich die seit Jahren überfälligen Bau- und Sanierungsprogramme in den großen Häusern in Gang setzt und wenn die Bürgermeisterin jetzt ihr Versprechen wahr macht, wenn sie denn schon Hertie nicht wollte, wenigstens Sanierung und Ausbau der Mittelpunktbibliothek Schöneberg zu finanzieren.

 

3.    Die baulichen Bedingungen an den Bibliotheksstandorten Schönebergs wurden schon erwähnt, aber es gibt auch Probleme in Tempelhof, in der Zentralbibliothek? Da ist das Dach undicht.
Wenn Sie die Probleme unserer Häuser wirklich wahrnehmen wollen, empfehle ich Ihnen den olfaktorischen Weg: Immer der Nase nach! Der marode Zustand in unseren beiden großen Häusern stinkt ja buchstäblich zum Himmel. Eigentlich müssten wir unseren Kunden, die die Toiletten benutzen wollen – soll ja mal vorkommen -, sagen: Schlagt Euch lieber in die Büsche! Die Sanitäranlagen in den beiden großen Häusern sind in einem so katastrophalen Zustand, dass sich unsere Mitarbeiterinnen schämen, wenn sie darauf angesprochen werden. Und das Dach, das Sie gerade angesprochen haben: In der Bezirkszentralbibliothek ist seit 2007 die Dachisolierung kaputt, im Sommer steigen die Temperaturen regelmäßig auf über 30 Grad und unsere Mitarbeiterinnen machen da keine Siesta, die arbeiten da! Und wenn es regnet, wird die Bibliothek zum Regenwasserreservoir, da sehen Sie dann überall in der Bibliothek verteilt Eimer, um das kostbare Regenwasser, das da durch die Decke tropft, aufzufangen, damit wir unsere Bücher und PCs wässern können. Das ist eine nicht mehr tragbare Situation. In der Mittelpunktbibliothek Schöneberg haben gehbehinderte Menschen, Rollstuhlfahrer, Mütter/Väter mit Kinderwagen keine Chance, die Kinderabteilung im Obergeschoß zu benutzen. Wozu sollte man denn auch einen öffentlichen Bereich mit viel Publikumsverkehr durch einen Fahrstuhl erschließen?

 

Ich könnte Ihnen noch viel mehr nennen, angefangen von den nicht mehr reparablen Fenstern in der Bezirkszentralbibliothek, und das ist ja die größte Bibliothek in unserem Bezirk, für die die notwendigen Maßnahmen schon seit rd. 10 Jahren mit mehr als 4 Mio. Euro in der Investitionsplanung fest verankert sind. Das Geld ist also vorhanden, aber verbaut wird es nicht.

 

Aber ich will hier noch ein ganz anderes Problem anschneiden. Es geht nicht nur um Sanierung. Unsere großen Häuser wurden zu einer Zeit gebaut, als Bibliotheken vorwiegend noch als Ausleihstationen konzipiert wurden. Heute sind sie viel mehr als das. Heute sind sie Lernorte, Arbeits- und Studienorte, Begegnungsorte, Veranstaltungsorte, und für all die unterschiedlichen Nutzungen, die eine Öffentliche Bibliothek heute ausmachen, für die Menschen, die aktuelle Zeitungen und Zeitschriften lesen oder einfach mal was anlesen wollen, für Schüler- und andere freie Gruppen, die sich zum gemeinsamen Arbeiten zusammenfinden, für Kunden, die unsere Internet- oder PC-Angebote nutzen wollen, z.B., um Bewerbungen zu schreiben, für die Kinder, die Veranstaltungen zur Leseförderung besuchen, für literarische Lesungen. Für all diese Nutzungen braucht es Platz.

 

Manches davon geht laut vor sich, manches leise, manche Kunden brauchen voll computerisierte Einzelarbeitsplätze, manche vielleicht eher eine ruhige Rückzugsmöglichkeit und einen Sessel, für andere wären Gruppenräume mit digitalem Equipment wichtig und, für Veranstaltungen braucht man Räume mit Beamer und Leinwand. Das alles braucht Platz und diesen Platz für unterschiedliche Nutzungen, für lautere und leisere Zonen, haben wir nur in sehr ungenügender Weise. Um das mal an Zahlen festzumachen: Wir hatten 2015 zwar noch 19% mehr Einrichtungen als die Berliner Bezirke im Schnitt, stellen pro Einwohner aber 16% weniger Fläche zur Verfügung. Die Bezirkszentralbibliothek, unser größtes Haus, hat fast ein Fünftel weniger Fläche als die Zentralbibliotheken in den anderen Bezirken.

 

Also: Worum es in Zukunft gehen muss, lässt sich in zwei Worten zusammenzufassen: Sanierung und Flächenerweiterung!

 

4.   Auch der Bücherbus wurde schon von Ihnen erwähnt, wie lange hält der denn noch durch, bekommt er bald eine H-Nummer oder wie sieht es aus mit einen Nachfolger?

 

Unser Bücherbus ist seit Jahren eine Einrichtung, die sehr viel Erfolg hat, die sehr stark genutzt wird und gute Zahlen liefert. Dieser Erfolg steht in einem makaberem Missverhältnis zum Erhaltungszustand. Gerade für Kinder ist der Bus hoch attraktiv, schauen Sie sich einfach mal an, wie die Kinder in den Schulpausen mit leuchtenden Augen in den Bus strömen, das ist ein großer Event. Da wird Leseförderung betrieben und für viele Kinder ist das oft der erste Kontakt zu Bibliotheken und zu Büchern. Wer die Lesekultur fördern will, hätte mit dem Bücherbus ein hervorragendes Instrument, um damit anzufangen. Die Firma Berlin Recycling, die unseren Bus jährlich mit einem richtig großen Batzen Geld fördert, hat das begriffen, und andere Bezirke wissen das auch. Spandau und Steglitz-Zehlendorf z.B., die gerade neue Busse anschaffen. Sogar Lichtenberg, ein Innenstadtbezirk, überlegt, einen Bücherbus anzuschaffen!

Unser Bus wurde 1992 in Betrieb genommen, er hat jetzt also fast ein Vierteljahrhundert auf dem Buckel, und es ist abzusehen, dass er nicht mehr ewig fahren wird, dass er irgendwann in nicht allzu langer Zeit den Geist aufgeben wird. Ich kann nicht prophezeien, wann das sein wird. Vielleicht sind es noch drei Jahre, vielleicht auch nur ein paar Monate. Was mich richtig ärgert ist, dass der Bezirk in den letzten Jahren mehrfach die Chance ausgeschlagen hat, einen neuen Bus mit Hilfe einer 50-prozentigen Kofinanzierung durch die EU zu bekommen. Diese Chance gibt es jetzt nicht mehr, das ist vorbei. Wir stehen deshalb möglicherweise vor der fast schildbürgerlich zu nennenden Situation, dass es ausgerechnet in einem der flächenstarken Bezirke Berlins, der nur noch über ein sehr ausgedünntes Netz von standortfesten Bibliotheken verfügt und z.B. den ganzen Ortsteil Mariendorf unversorgt lässt, bald auch keinen Bus mehr geben wird, der eigentlich genau dafür da ist, solche Lücken, solche Defizite auszugleichen, und das träfe, ausgerechnet im 50. Jahr seines Bestehens, gerade die Menschen, die in ihrer Beweglichkeit eingeschränkt sind, die Kinder, die Älteren, die Behinderten. Ein Bus kostet jetzt mindestens 400000,-€ und das muss der Bezirk jetzt voll selbst finanzieren.

5. Reichen die bezirklichen Finanzmittel zum Bestandserhalt bzw. Ausbau Ihrer Medien annähernd aus?

 

Das lässt sich sehr einfach beantworten. Wir sind ja eine Verbrauchs-, keine Archivbibliothek. Medien verschleißen und veralten, und wenn der Bestand nicht regelmäßig erneuert wird, wird er im günstigsten Fall museal und im schlimmsten Fall klebrig und abgegriffen, mit Umschlägen, die niemand mehr anfassen mag. Wir brauchen standardmäßig, um diese Erneuerung und Aktualisierung leisten zu können, einen Betrag von rd. 1,5 Euro pro Einwohner. Das ist der Normwert. Tatsächlich erreichen wir gerade – in 2015- 1 Euro pro Einwohner. Fairerweise muss ich allerdings hinzufügen, dass wir in diesem Jahr durch Sondermittel des Landes, nicht des Bezirks, fast 100.000 Euro zusätzlich einsetzen können, um die Medienbedarfe von Geflüchteten abdecken zu können, und damit erreichen wir fast den Normwert. Darüber freuen wir uns natürlich.

 

Unser Problem ist allerdings ein längerfristiges. Wir bieten seit Jahren deutlich weniger Medien pro Einwohner an als die Berliner Bezirke. Das war lange der schlechteste Wert und, - 2015 - noch der zweitschlechteste Wert in Berlin und fast ein Viertel weniger als im Berliner Schnitt.  Das ist ein Problem auf zwei Ebenen. Einmal ein Versorgungsproblem, weil es reale Bedarfe der Bürgerinnen und Bürger gibt, die wir nicht ausreichend abdecken, für die wir die Bestände nicht aktuell halten können. Es ist aber auch ein finanzielles Problem, da wir uns über die Nutzung, in diesem Fall die Entleihungen, im Berliner Finanzsystem refinanzieren müssen, und dafür reicht die Menge der Medien, die wir anbieten können, einfach nicht aus, obwohl das, was wir anbieten, sehr gut genutzt wird. Aber was nicht da ist, kann nicht entliehen werden. Die vermeintliche Einsparung ist eine Milchmädchenrechnung des Bezirks, er spart kameral Geld ein, aber in der Kosten-/Leistungsrechnung verlieren wir, weil wir bestimmte Nutzungen nicht erbringen können, mit denen wir uns besser refinanzieren könnten. Entgangene Nutzungen durch den zu geringen Medienetat kosten den Bezirk richtig Geld.

 

6. Das Engagement Ihrer Mitarbeiter mit Kindern/Jugendlichen und mit Geflüchteten ist lobenswert, reichen die personellen Kapazitäten unabhängig von Finanzierungsproblem ohne weitere Reduzierung der Öffnungszeiten aus?

Unsere personellen Kapazitäten sind für die Flüchtlingsbetreuung sogar erweitert worden, weil uns aus dem Programm des Senats für die „Wachsende Stadt“ zwei Stellen zugeteilt worden sind, die wir, bis die neue Bibliothek in Friedenau realisiert werden kann, an anderen Stellen gezielt für die Flüchtlingsbetreuung einsetzen können. Die Einstellungsverfahren laufen derzeit, und das ist auf jeden Fall eine positive Botschaft.

 

Was die Öffnungszeiten angeht, die sind ja zur Zeit bereits stark eingeschränkt. In Friedenau ist die Bibliothek ganz geschlossen, dort hält jetzt der Bücherbus sechs Stunden in der Woche. Auch die Mittelpunktbibliothek Schöneberg mit ihren sehr attraktiven Öffnungszeiten ist von dort aus gut in wenigen Minuten zu erreichen. In Schöneberg-Nord bieten wir zwar noch 20 Stunden an, haben dort aber kein festes Personal mehr, um Angebote zur Leseförderung vorzuhalten. Auch für diese Nutzer bietet die Mittelpunktbibliothek Schöneberg eine Alternative, die sogar, was Öffnungszeiten, Medienbestand und Raumangebot angeht, deutlich attraktiver ist. Über weitere Einschränkungen denken wir zur Zeit nicht nach. Allerdings sind wir personell auch nicht in der Lage, unsere Ideen für eine Erweiterung zu realisieren, also z.B. in Lichtenrade eine Samstagsöffnung anzubieten, das wäre in diesem sehr bibliotheksaffinen Ortsteil eine sehr wirksame Maßnahme, oder die Samstagsöffnung in der Bezirkszentralbibliothek von gegenwärtig vier Stunden auszudehnen. Das können wir zur Zeit nicht realisieren. Wobei, mit den Öffnungszeiten unserer beiden großen Häuser und der großen Stadtteilbibliothek in Lichtenrade mit 40 Stunden in der Woche stehen wir im Bezirksvergleich nach wie vor sehr gut da. Von daher ist das jetzt nicht unsere größte Baustelle.

 

 

7. Sie hatten die Sondermittel für die Arbeit mit den Geflüchteten und besonders deren Kindern schon erwähnt, müsste das nicht verstetigt werden? Die Geflüchteten verschwinden ja nicht so schnell!

 

Das Land Berlin hat dem Bezirk für 2016 und 2017 Sondermittel in Höhe von 600.000 Euro für die zukünftige Bibliothek in Friedenau und die anderen bezirklichen Bibliotheken zur Verfügung gestellt. Für die 300.000 Euro, die wir in diesem Jahr ausgeben können, sind unsere Bestellungen für Medien, Möbel und digitale Informationsspeicher fast abgeschlossen, und ich gehe davon aus, dass wir die 2. Marge im nächsten Jahr in gleicher Weise einsetzen können. Natürlich müsste das perspektivisch verstetigt werden. Verstetigt werden müsste auch der Ansatz für die Medienausstattung, auf dem Niveau des schon erwähnten Standards von 1,5 €, damit wir unseren Rückstand bei der Versorgung pro Einwohner aufholen können. Mit dem Etat, den wir zur Zeit haben, bleiben wir immer Schlusslicht und werden auch unser Defizit in der Kosten-/Leistungsrechnung nicht verringern können.

 

8. Das leitet über zur der Frage, ob Sie in der Bezirkspolitik immer genügend Unterstützung für Ihre Aufgaben und die Ihrer Mitarbeiterinnen gefunden haben? Sie haben ja schon einige traurige Beispiele genannt, wo das offensichtlich gefehlt hat, Stichwort Bücherbus, Stichwort dringend erforderliche bauliche Maßnahmen. Haben Sie da Hoffnung, dass es da besser wird?

 

In unserer Abteilung auf jeden Fall. Unsere Stadträtin Frau Kaddatz, die ja auch wieder unsere neue Stadträtin ist, hatte immer eine feine Antenne für die besonderen Anliegen und Probleme der Stadtbibliothek und hat sich sehr engagiert und kompetent für uns eingesetzt, auch mit sehr fundiertem Fachwissen. Sie hat ja auch mit dem zweiteiligen Bibliothekskonzept von 2012/13, das Sie auf unserer Homepage auch nachlesen können, die Blaupause geliefert, die alles das auflistet, was zu tun ist, um eine bedarfsgerechte Versorgung der Bevölkerung zu gewährleisten und die Stadtbibliothek zugleich in wirtschaftlicher Hinsicht zukunftssicher zu machen. Es ist nicht ihr anzulasten, wenn die Entscheidungen letztlich ausgeblieben sind, die uns ermöglicht hätten, unseren Rückstand gegenüber den anderen Bezirken aufzuholen.

 

9. Da wird das Bezirksparlament anzusprechen sein. Wir hatten ja vom Freundeskreis eine Veranstaltung noch im Wahlkampf mit den entsprechenden Leuten. Sind Sie da guter Hoffnung, was da gesagt worden ist, oder sind sie noch skeptisch? Verstehen Sie die von Ihnen stark unterstützte Gründung des Freundeskreis der Stadtbibliothek Tempelhof-Schöneberg als Hilferuf und was erhoffen Sie sich von seiner beginnenden Arbeit?

 

Die Initiative zur Gründung des Freundeskreises geht ja nicht auf uns zurück, sondern auf die Mehrheitsfraktionen in der Bezirksverordnetenversammlung, und ich denke, das war ein bisschen so wie bei Münchhausen, dass sie sich selbst ein wenig unter Druck setzen wollten, um sich, um im Bild zu bleiben, aus dem Sumpf der Tatenlosigkeit zu befreien, den sie ja auch selbst bei der Wahlveranstaltung des Freundeskreises am 8. September sehr deutlich benannt haben. Ich hoffe jedenfalls, dass die nächsten fünf Jahre in dieser Hinsicht besser aussehen werden als die letzten fünf.

 

Ich freue mich, dass es den Freundeskreis gibt, und die Anfänge mit dem sehr konstruktiv und zielgerichtet agierenden Vorstand lassen ja hoffen, dass es im Bezirk vielleicht doch wieder zu einer parteiübergreifenden pro-Bibliothek-Stimmung kommt, wie ich sie in Tempelhof und dann auch in den ersten Jahren in Tempelhof-Schöneberg als ganz selbstverständlich erlebt habe. Ich wünsche mir so etwas wie z.B. in Augsburg, wo eine sehr engagierte, sehr lebendige und kreative Bürgerschaft erreicht hat, dass die Augsburgerinnen und Augsburger heute an einem zentralen Standtort eine nagelneue, sehr attraktive, sehr gut genutzte Bibliothek vorfinden. Das ist entscheidend auf eine private Initiative zurückgegangen. Wir haben genug brach liegende Baustellen, für die es lohnt sich einzusetzen, und die Bürgerinnen und Bürger dieses Bezirks haben lebendige, gut ausgestattete moderne Bibliotheken verdient, in denen man findet, was man braucht, und in denen man sich auch wohlfühlen kann, wenn man mal im Internet surfen, seine Schulaufgaben machen oder bloß Zeitung lesen will, und wenn der Freundeskreis dazu beitragen kann, das dies wieder zum Anliegen aller Parteien wird, würde ich mich sehr freuen. Unsere Mitarbeiterinnen stehen jedenfalls bereit und sind auch in der Lage, aus unseren Bibliotheken wieder richtige Leuchttürme zu machen, aber sie brauchen dabei auch Unterstützung!

 

10. Werden sie sich auch als Rentner für das bezirkliche Bibliothekswesen engagieren und womit muss man rechnen?

 

Ich werde jetzt erst mal auf Reisen gehen, gleich nach Weihnachten nach Südamerika – Argentinien, Paraguay, Uruguay - , und in zwei Jahren dann, wenn alles gut geht, einmal um die Erde, allerdings in mehr als 80 Tagen, und natürlich werde ich mir die notwendigen Informationen dazu im Wesentlichen aus der Bibliothek holen, die gibt es da analog und digital mehr als reichlich. In Tempelhof-Schöneberg sollen jetzt aber mal andere ran. Das muss nicht sein, dass der Leiter in Rente geht und dann immer noch an alter Stelle rumfuhrwerkt. Die Mitarbeiterinnen freuen sich auf die neue Leitung, auf neue Ideen, neue Initiativen, neuen Schwung. Ab dem 1.4.2017 wird es hier eine gute Lösung geben mit einem jungen Fachkollegen, der derzeit schon in der gleichen Funktion halbtags als Leiter in Friedrichshain-Kreuzberg tätig ist. Das ist eine Lösung von hoher Fachkompetenz, wie die Stadtbibliothek sie für die anstehenden Aufgaben z.B. im Hinblick auf Digitalisierung und verstärkte Zielgruppenarbeit auch dringend braucht. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Nachfolge, die haben sich die Mitarbeiterinnen mit der guten Arbeit der letzten Jahre auch wirklich redlich verdient. Ich werde das aber allenfalls noch aus weiter Ferne beobachten, weil ich mich auch auf ein neues, anderes Leben freue.

 

Herr Dr. Boese, vielen Dank für das Gespräch und viel Erfolg bei Ihrem reisenden Ruhestand! Ich weiß, wovon ich rede.

 

Foto: Weil
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